Es stimmt, die Vergangenheit (die Notizbücher) systematisch, chronologisch aufarbeiten zu wollen ist futile. Die Gegenwart rührt ja ständig in der Vergangenheit um. Es sind ja Protagonisten von jener in dieser, nicht zuletzt ich. 

Bin jetzt reingekommen in Jane Austen: Emma. Niemals könnte ich so schreiben. So viel Liebe zu ihren Charakteren. Auch zu den “unwesentlichen”. Alle sind wesentlich bei ihr. Die glückliche Disposition ihrer Heldinnen, das selbstverständliche Selbstbewusstsein. Das ist ihr feministischer Beitrag. Jetzt möchte ich mehr über sie wissen. Jane.

Jane Austen illustrieren. Eine ganz intuitive Emma-Illustration. Ist Jane Austen Emma? Oder vielmehr Jane Fairfax? Oder ist sie alle? Der Grund, warum ich Emma nicht als Komödie empfinden kann, ist, dass ich dieses Dauergequatsche einer Miss Bates eigentlich als Gewalt empfinde. Genauso wie das manipulative, Komplimente-Heischende einer Mrs. Elton. Großartiges Buch. Großartiger Suspense. Großartige Entwicklungen. Großartige Entfaltungen der Figuren. Empathisches Hineingeblickthaben in die Menschen, Jane Austen. Somit empathievergrößernd.

Jane-Austen-Portraits – Weiterentwicklung meiner Lost Women oder der Tarot-Portraits oder vielleicht szenischer. Denn: es geht immer um den Zwischenraum bei Jane Austen: Immer sind die Protagonisten miteinander beschäftigt, einander zugewandt in Gedanken, Worten, Taten und Empfindungen. 

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier

Was seh ich,

Tiefe,

Befriedigung und Verzehren gleichzeitig.

Gesichter, zärtlich verborgen.

Natur.

Laute Stille.

Gewalt und Zärtlichkeit.

Ein Bedürfnis: Innen und Außen – das Schöne und das Schiarche verbinden. Und ein anderes: Was ist diese Gewalt in meinen Bildern: Stille, Konzentration. Wie ein Bild im Film, zwischen Dröhnen und Gewaltsamkeit, Pause, Stille, Langsamkeit. So empfinde ich die Welt. Diese Orte sind mir zugänglich. 

Mansfield Park – Jane Austens ironischstes Werk, heißt es. Mich nimmt das alles viel zu sehr mit, ich bin da viel zu sehr drinnen. Fanny Price – und Miss Crawford – sind beide eins, verschiedene Facetten eines Wesens/Geistes – vielleicht die Jüngere und die Ältere, das Gehemmte und das Phantasierte….und mir somit sehr nah…die ich auch oft viele bin in meinen Träumen/Gestaltungen.

So scharfsichtig, klarsichtig, die Bücher sind quasi für Verfilmungen geschrieben – kaum mehr Arbeit für die Drehbuchschreiber, haha. Theater im Theater! Metaebene, Verwicklungen. 

Meine Gehemmtheit scheint in gewisser Hinsicht einem anderen Jahrhundert zu entstammen – ebenso wie mein Erröten. Dass man sich  – als Antwort – einfach verbeugen könnte (wenn man nichts sagen konnte) – das ist eine Möglichkeit, deren Verlust ich höchst bedauerlich finde. 

Die Bonnets aus Jane Austens Zeit. Man lernt so viel auch über die Zeit. “Is she out yet?”

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier

Wie sehr unsere Welt eine andere ist als die Jane Austens? Und inwiefern nicht. Sehr anders sind unsere Werte, gar nicht so sehr das Schönheitsideal – irgendetwas in ihren Romanen erzeugt eine sehr jetztzeitige Sexiness. 

Ganz im Gegenteil zur Ästhetik, zum Schönheitsideal von 1922, das uns da im Film “Das Phantom” gezeigt wurde. (Nach einem Buch von Gerhard Hauptmann.) Hier ist kein begehrenswerter Glamour. Hier ist alles dreckig, alles krankmachend, die Menschen sich zugrunderichtend in ihrem Getriebensein, ihrem nicht-aus-können, in dieser Dawischenzeit: das Alte passt nicht mehr, das Neue ist nicht greifbar, ist “ein Phantom”. Alles verschwimmt: Geist und Nacht, Gigerl und Varietémädchen, “Hure” und “Maria”, männlich und weiblich. Fiebertaumel, alles auf Jetzt gerichtet, denn Morgen gibt es keins, an Morgen ist nicht zu denken.

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier


Wie anders er mir vorkam, damals, vor 18 Jahren! Und in meiner Begegnung mit ihm damals, die gar keine Begegnung war, nur ein Eindruck auf mich (aber ein tiefer wohl schon ) komme ich mir jetzt vor wie Fanny Price – in ihrer Welteindrücklichkeit. Wie die Welt beständig Eindruck auf sie macht – und sie versucht, anmutig damit umzugehen. Aber ich bin nicht so ein Aschenputtel wie sie – Mansfield Park ist eine totale Aschenputtel-Geschichte. Alles, was sie hat, um die Welt zu bewegen, um die Welt zu rühren, ist ihre Anmut, ihre Würde, ihr conduct darin. Fanny Price – erstaunlich stur ist sie in ihrer Naivität, in ihrer Schüchternheit. Das Schönheitsideal scheint jedenfalls ein viel jetzigeres zu sein als das der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Nur, das Erröten als charmant, als schön galt, das ist anders. Aber gesunde complexion war ganz wichtig. Ob eine Frau groß war oder klein, zart oder fülliger, das war eines wie das andere wünschenswert, schön – Bedingung nur, dass ihr conduct, ihre Bildung, das, wie sie sich hält, bewegt, antwortet – dass das makellos war. 

Und alles war zeitlich viel weiter ausgelegt – für ein ganzes Leben lang – und Entscheidungen, die das ganze restliche Leben (und die ganze Familie) beeinflussen, bestimmen, werden in sehr jungen, in sehr wenigen, entscheidenden Jahren gefällt.

Die Zeit zerfällt. Jane Austen lesen in den 20er Jahren. 

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier

Ok, dann versuche ich meine Träume zu lesen: Prüfung – der Horror, unvorbereitet zu sein und weg vom Fenster und gleichzeitig viel zu alt für die Mathematik-Matura; Einkaufen; celebrity (Kim K.); Autofahren: Ich bin sehr streng zu mir, zu streng. Ich hab das Gefühl, ich brauche mehr Anerkennung, mehr Gesehen-Werden. Viele Möglichkeiten – Gewand – Spiel mit Identitäten, Rollen? Ich soll “das Steuer meines Lebens selber in die Hand nehmen”. Das, wenn ich sie (die Träume) nach der “state-of-the-art” der Traumforschung lesen. Wenn ich sie mittels unserer TräumeTreffen erforsche, untersuche, dann ist immer noch Thema (es ist ein schönes Thema und es zeigt sich in schönen Bildern): das Weiche versus dem Harten, Gefährlichen. Beziehungsweise: die Koexistenz dieser beiden Ebenen. Das Koexistenz möglich ist?! Und vielleicht, ja, ist die #Vision2020 – Collage der Schlüssel zur Verbindung der Botschaften, Handlungsaufträge meiner Träume: Dass bei all der Weltkälte und Weltgrausamkeit, die mir gerade durch alle Poren dringt, es mein Auftrag ist, das zu verwirklichen, wohin es mich mit Sehnsucht und Leidenschaft zieht: Geborgenheit. Ein schönes Zuhause, das Freiheit, Geborgenheit, Raum für Kunst bietet. Das Kunst ist und Wabi-Sabi-Gastlichkeit. Und dass ich mich auch in meiner Kunst dort hinwenden darf: Inspiriert sein vom Kind, von Kindern und vom Mutter-Sein.

Ein schönes arabisches Mädchen mit goldfarbener Baskenmütze auf dem vollen langen, schwarzblauen Haar, langer schwarzblauer Mantel, ein Foulard um den Rucksack gebunden ging vorbei.

In die Sonne schreiben, in den – jetzt – strahlend blauen Himmel. In das Gelbgold hineinschreiben, dass ich mich sehe.

Um in die Tiefe zu gehen, um Verzauberung zu erleben, um Bewegung zu erleben in einer Beziehung, muss eine(r) ein Risiko eingehen. Rüttel rüttel. Rüttel schüttel. Rüttel an den Fäden. Beim Malenzeichnen rüttle ich an den Fäden, ziehe ich an den Fäden….herbei…was vielleicht Jahre später auftaucht. Wie kann man also als Künstler, wo man auf anderer Ebene mit der Wirklichkeit arbeitet, sich der Wissenschaft unterwerfen und alles Unerklärliche von sich weisen? Das ist ein Aberglaube der anderen Art. Wenn man dem Mystischen, dem Magischen, dem (noch) nicht Erklärbaren keinen Platz einräumt, keine Daseinsberechtigung, wozu ist man dann Künstler?

Es stimmt – das mit der Kulmination des Gefühls Einsamkeit – wie Schnee, der auf Schnee fällt, kulminiert dieses Gefühl aus allen Einsamkeiten, die man je empfunden hat – das gilt auch für die Resignation. 

Es stimmt vielleicht: der E. steht für eine andere, alte Kunstauffassung, alte weiße Männerkunst, zu der ich viel zu lange aufgeschaut habe, von der ich viel zu lange Anerkennung wollte oder zumindest: nicht von ihr verachtet werden. Und das hält mich zurück, macht mich unfrei.

Auch unsere Gespräche sind ein lebendiges Ding, ein Zwischenwesen, das sich weiterentwickelt und wächst und – scheu – doch immer mehr von sich zeigt. Die Nichtwesentlichkeit, das Nicht-Existentielle unserer Zeit, ist, was mich oft fertig und einsam macht. Es gab sicher zu jeder Zeit “unwesentliche” Menschen, die sich (ich phantasiere jetzt zum Beispiel über Jane Austens Zeit) sich in Prestigefragen flüchteten, Fitzeligkeiten, wie man von Untergebenen begrüßt zu werden hat, Äußerlichkeiten. 

Und wie übergriffig Instagram ist auf unsere Arbeit als Künstler! Und wieviel Disziplin er hat, Instagram einfach auf Eis zu legen! Einfach arbeiten, ohne dabei schon ans Teilen der Arbeit zu denken. Über Sinn haben wir geredet und dass er letztlich nur darin zu finden ist, das zu tun, was einzig man tun kann – ich meine: Was man als Einzige tun kann. Und sich in den Sog dessen zu begeben. Nicht festhalten an dem, was man schon mal konnte (ästhetische Errungenschaften), sich der Veränderung übergeben, auch wenn sie einen in Gefilde führt, die Angst machen, weil dann wiederum an der Identität gerüttelt wird. Bei mir: die Bereicherung, die Öffnung durch die kindliche Welt. Die Liebe zu meiner Tochter. Rosa. Glitzer.

Und wie diese “kleinen”, unsichtbaren Dinge, über die wir nicht reden, die wir nur tun, fühlen, so viel mehr über uns aussagen, als das Sagbare. 

Ich versinke im Schreiben und tauche kaffeefröstelnd wieder daraus auf. 

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier

“ Let everything happen to you

Beauty and terror

Just keep going

Nothing is final”

Rainer Maria Rilke

Diese Anne aus “Persuasion” ist vielleicht die Jane Austen-Heldin, die mir am nächsten ist. Wer ist diese Anne? Uns eint das nicht-gesehen-werden, nicht-gehört-werden in unseren Familien. Aber auch ihre Fähigkeit, Seelenverwandte zu finden. (Was für eine Superpower!) Ich weiß schon jetzt, dass ich nicht zufrieden sein kann mit den allermeisten Jane-Austen-Verfilmungen. Das Geschehen, das hauptsächlich ein Inneres ist, wird comichaft nach Außen verlagert. Das Introvertierte nach extrovertierter Verwertbarkeit von Bildern/Szenen durchforstet. Aus Bildern werden eben Szenen. Wechsel der Geschwindigkeiten. Wenn es plötzlich ganz schnell wird, darauf muss man sich als Filmemacher*in natürlich stürzen.

Die Kellner (R., Ch. und der junge mit Bart) führen ein Gespräch übers Kinderkriegen und Kinderhaben – das ist schön. Ich hab sie gern.

R: “Hat Anschluss an seine Trottelpartie gefunden und hat Drogen genommen.”

Auch R: “An Sport drei, vier Mal pro Woche, wos richtig auspowert san…sonst hängens herum wie die Trotteln.” R’s Weisheiten. 

Ch: “Bis 35 wollte ich keine Kinder. Und dann plötzlich – “

R: “Muttergefiiiele!” Ch: “Ja.” R: “In dieser Phase von 14-18, da ghört Glück auch dazu.” Stimmt, R. Die sind sicher alle gute Eltern. 

R: “Aber wenn ich nur ein einziges Mal was hör, dann werd ich so peinlich, so peinlich! Dann sitz ich überall dabei, dann sitz ich hinten in der Ecken!”

Heute fällt mir das Gold des Jelinek auf. Die goldenen Holzlackierungen. Das Gold im Licht, das Gold in den Tapeten, in den Stoffen. Und ich! Ich bin heute auch gold-grün! Meine goldenen Zauberstiefletten, mein grüner Cord-Overall. Ich bin in Jelinek-Farben. Über Goldgrün in den Tag hineinkriechen.

Nach Jane-Austen-Standards würden wir beide moralisch unten durchfallen. Das ist es vielleicht, was mich einzig ein bisschen stört an ihren Romanen…dass ihre Heldinnen so moralisch einwandfrei sind. Diese 18.Jahrhundert-Moral ist einfach nicht mehr en-vogue. V. und ich: Wir sind beide Arschlöcher. Wir alle. Es kommt nur drauf an, jemanden zu finden mit kompatibler Arschlochigkeit. Dass man sich idealerweise nicht verstärkt in der eigenen Arschlochigkeit (was einen ja eher unglücklich machen würde), sondern jemanden von derartiger Arschlochigkeit, dass es die eigene mildert, dass man in eine andere Richtung wachsen kann – über sich, über die eigene, kleine, sich im Kreis drehende Arschlochigkeit hinaus.