Den Traum von heute Nacht wollte ich unbedingt aufschreiben. Jetzt stocke ich ein bisschen, oder hole Luft oder nehme Anlauf.

Wir haben einen Garten zu unserer Wohnung dazu. Aber anders. Als wäre er auf einer Terrasse – aber groß. So groß, dass ein kleines Privatflugzeug darauf landen kann offensichtlich. Eine Frau ist zu Besuch, älter, Ende 60 vielleicht, graue lange Haare, zum Knödel gebunden hinten. Sie ist die Pilotin. Merkwürdigste Vermengung von Traum und Gedanken und dem, was “in Echtzeit” passiert.

Mein Schlaf ist also unterbrochen. Und auch im Traum beschwere ich mich farbstark darüber. Die Farbe rot spielt eine Rolle, bei meinen Erwägungen, was ich heute fürs Kaffeehausschreiben anziehen soll. Große Farbflächen, Kreise, kindlich, künstlerisch. Im Haus: angenehme Holzböden (alt, dunkel), langer Holztisch, Offenheit, Luft und Licht kommt rein. Ich muss heute noch Yin-Yoga unterrichten. Auch in echt-Doppelung. Doppelungen. Das Atelier im Traum ist fast so wie das Atelier in echt. Aber sehr voll, als wäre hier eine Party gewesen. Auch voll mit Menschen. Wir räumen auf. Interessante Gegenstände. Mit N. trage ich eine schwere Matte hinunter. Ich (oder sie) sage: “Ich hasse es, diese Matte zu schleppen!” Das bricht ein bissl das Eis zwischen uns oder macht, dass wir beide mehr auf einer Ebene sind. Gestresst? Ja, bin ich. Aber nicht auf unangenehme Art und Weise. Dann findet einen Art Verwandlung statt: die Frau mit den weißen Haaren (wer ist sie? Eigentlich eine coole Socke, freundlich, mir wohlgesinnt, eine Art Göttin, Archetyp?) verwandelt sich in eine Freundin, die tanzen gehen will mit mir, gleich alt. Wir gehen in diesen Club (Fledermaus), wo wochentags kaum was los ist abends. Wir sind dort – interessanter Raum, nicht groß, aber hoch, Holzboden, auch hier: Überreste einer vergangenen Party. Ein Mensch (mutig, Kunststudentin?) tanzt schon – exaltiert, selbstversunken – dann steht meine Freundin auf und geht auf die Tanzfläche. Und so ist es besiegelt: Unsere Nächte. So tanzen wir ab jetzt. Treffen uns, ziehen uns dasselbe an und gehen tanzen. Und es ist plötzlich Berlin der 20er Jahre, wo es anscheinend vorkam, dass man wie in ein Karnevalskostüm gekleidet war, BH, Schnüre, eng am Kopf anliegende Kappe, Federn. Noch ein Kostüm sehe ich (weiße Schnüre, Bänder) das wir wie Synchrontänzerinnen anhaben – und so gehen wir auch – zwillingshaft, synchron: Und dieses Tanzen-Gehen ist existentiell, ist subversiv.

Und wie schön ist es, so einen Tanz-Zwilling zu haben, erfasst von derselben Dringlichkeit. Vielleicht ist alles, meine Sehnsüchte, meine Enttäuschungen, weil ich einmal Teil eines Zwillingspaares war?

Dann sehe ich mich – in einem Alexa-Chung-Körper tanzen: Es sind akrobatische Sprünge, Saltos. Das ist kühn und befreiend. Auch machte mir der Traum Lust auf erzählerischere, maximalere, exaltiertere Outfits. 

Was mache ich mit diesem neugeborenen Gefühl, das mir geschenkt wurde?

Ich mag ihn sehr gern und ich fühl mich auch gemocht von ihm. Und vielleicht ist das auch schon alles – dieses Gemocht-Werden über den Raum hinweg, das eine Atmosphäre schafft, die anregend ist. Mehr nicht. 

O.T., A2, Mischtechnik auf Büttenpapier

Mein Magen, mein Hals jetzt, mein Mund, meine Atmung. 

Auf was warte ich heute? Dieses Warten ist nie befriedigt. Die Sehnsucht in keinem Verhältnis zur Erfüllung?! Das stimmt so nicht. Aber die Erfüllung ist eine andere als die Sehnsucht. Nicht linear verbunden.

Natürlich ist die Erfüllung auf einer anderen Ebene als die Sehnsucht. Sie können nicht gleichzeitig existieren.

“They [hands] are the bridge between our thoughts and our actions, our designated vehicle for holding, gesticulating, and expressing, closing the gap between what we’d like to express and what our faces can’t.” – Leandra Medine

2002 – letzte Träume in Wien, erste Tage in Krakau. Und wie lange ich schon meine Träume aufschreibe. Das Motiv des Fliegens in diesen Nächten 2002 gehäuft. Das zwillingshafte Auftauchen von Etwas. Das Motiv der (siamesischen) Zwillinge – wichtig in meinem Traumuniversum.  Ein merkwürdiges Gedicht. Und dann: Träume zu Träumen, im Traum eine Handbewegung machen, die uns beide aufweckt, mich, und den, der 18 Jahre später ein Eingewobener (in mein Unbewusstes, mein inneres Paralleluniversum) sein wird, ein Protagonist eben dieser Träume. Und wozu diese Arbeit – außer, dass sie mich zutiefst berührt und mir Zusammenhänge sichtbar macht.

Dieses Tor – eine Zeit der Beginne und Enden von etwas. Diese treten immer zusammen auf: Beginne und Enden.

Tote Katzen und gerettete Kätzchen. Und Räume und Städte und Stadtgegenden erstmals zu betreten und fühlen, das ist wie ein Ort aus meinen Träumen und ebendiese Orte wieder werden eingespeist in die nächtliche Parallelwelt…

Zwei Träume in diesen Wochen des Herbstes 2002, die immer noch da sind, waren, Erinnerungen an Erinnerungen. Nein! Es ist ein Gedicht von Paul Celan an Ingeborg Bachmann:

“In Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser!

Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.

Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!

Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.

Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.

Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen: 

Seht, ich schlaf bei ihr!

Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.

Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen: 

Sieh, ich schlief bei diesen!”

Verzaubert, wie das Leben ist, wenn man es in Händen hält (so wie ich die Bücher von 2002 gestern). Die Zeit, und die Fäden, die sie zusammenhalten, die sie verbinden.